Text und
Lektorat

Dominica – hoch ist ihre Gestalt

Erzählt man jemandem, man wolle nach Dominica, sagt jeder sofort „Ja, kenn´ ich, Dominikanische Republik". Aber nein – Dominica (Betonung bitte auf dem zweiten „i") ist etwas ganz anderes: ein kleines Inselchen in jener Reihe karibischer Inseln, die wie eine Perlenkette zwischen den großen Karibikinseln und Südamerika liegen, und die die Grenze zwischen Atlantik und Karibischem Meer bilden (geographisch gesehen). Oder auch: die die Grenze zwischen der Karibischen und der Atlantischen Platte kennzeichnen (tektonisch gesehen), daher die vielen Vulkane. Früher, als man noch mit Segelschiffen die Meere befuhr, hießen sie „Inseln vor dem Wind", weil einen der Passatwind direkt dorthin weht (nautisch gesehen). Heute heißen sie Kleine Antillen oder West Indies (Columbus´ Irrtum ist immer noch nicht vergessen). Da also liegt Dominica genau in der Mitte und ist eine ganz besondere Perle.

Vom Flughafen Melville Hall ist eine normale Taxifahrt zum Hotel schon eine Art Dschungeltour, es geht durch eine Landschaft, die so berauschend ist, dass man alle paar Meter anhalten will, um sie zu fotografieren. Vieles, was man bisher nur als Zimmerpflanze kannte, wächst überall wild am Straßenrand: 20 Meter hohe Gummibäume, Weihnachtssterne in riesigen Sträuchern, haushohe Bambusbüschel, Farnbäume, verschiedenste Palmen und überall die üppigsten, buntesten Blüten. Ein grünes Paradies, das noch wild und ursprünglich ist. Besondere architektonische Sehenswürdigkeiten, noble Shoppingmeilen und weiße Sandstrände findet man hier nicht, daher wurde Dominica bisher von den großen Touristenströmen gemieden.

Auch Columbus, der erste Europäer, der die Insel sah, fand sie zumindest nicht so einladend, dass er sie betreten hätte. Er taufte sie rasch auf den Namen Dominica, Sonntag, nach dem Wochentag seiner Entdeckung und segelte dann weiter. Der alte indianische Name der Insel ist Wai´tukubuli, das heißt etwa „Hoch ist ihre Gestalt", ein sprechender Name, denn die Berge prägen ganz den Charakter der Insel. Sie sind bis zu 1500 Metern hoch, die vom Atlantik herkommenden warmfeuchten Passatwinde müssen aufsteigen und werfen auf dem Weg nach oben ihren Wasserbalast ab. Der strahlende Sonnenschein wird täglich mindestens einmal kurz und kräftig von einem Regenschauer unterbrochen. Daher ist alles so üppig grün und daher rühren die 365 Flüsse der Insel (es hat sie wohl jemand gezählt). Die Insel ist so wasserreich, dass sie sogar Trinkwasser ins wasserärmere Antigua exportieren kann.

Wir wohnen in einem kleinen Dorf an der Ostküste, gleich nebenan wohnt Watson, unser Reiseführer. Bevor er uns die Insel zeigt, bemüht er sich um unser leibliches Wohl, er bringt uns Eier vom Nachbarn und allerlei Früchte aus seinem Garten. Gegen die Erkältung, die ich mir im Flugzeug zugezogen habe, kocht er mir einen Tee aus Kräutern, die er ebenfalls in seinem Garten zieht. Watson hat viele Berufe, so wie ein Großteil der 80.000 Dominicaner ist er Selbstversorger. Die Löhne sind so niedrig, dass es sich kaum jemand leisten kann, alle Lebensmittel zu kaufen, jeder hat irgendwo ein Stück Garten, wo er seine Grundnahrungsmittel selbst anbaut. Glücklicherweise wächst hier alles im Überfluss, Grapefruits, Ananas, Kakao, Kokosnüsse, Avocados, Bananen, verschiedenste Wurzelknollen und auch Kaffee. Kenner behaupten, der Kaffee Dominicas sei einer der besten in der Welt, trotz oder vielleicht wegen der geringen Mengen, die hier angebaut werden. Gemüse ist relativ selten und auf den Märkten auch recht teuer. Niemand weiß, warum nicht mehr davon angebaut wird, teilweise wird es sogar importiert. Auch wer z.B. keine eigenen Hühner hält, Grundbestandteil der einfachen, aber köstlichen kreolischen Küche, die hier gepflegt wird, kann sie fast nur tiefgefroren aus Übersee kaufen.

Hier in diesem kleinen Dorf an der Ostküste der Insel sind wir die einzigen Weißen, alle anderen Dorfbewohner sind schwarz, die meisten von ihnen Nachfahren der ehemaligen Sklaven, die die Europäer zur Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen hierher verschleppten. Damals führte die immense Nachfrage nach Zucker in Europa zu einem exzessiven Zuckerrohranbau in der Karibik und einem äußerst lukrativen Dreieckshandel für die Sklavenhändler: Sie brachten Sklaven aus Afrika in die Karibik, den Zucker nach Europa und von da allerlei Tauschwaren zum Sklaveneinkauf nach Afrika. Erst als im Zuge der Französischen Revolution die Sklavenbefreiung einsetzte, vor allem aber als in Europa ein Verfahren zur Herstellung von Zucker aus Zuckerrüben entwickelt wurde, brach dieser Triangel zusammen. Danach führte die ganze Region eine Art Dornröschenschlaf, nur die jeweiligen Kolonialmächte interessierten sich noch für die Inseln. Vor zwanzig Jahren kam dann die Unabhängigkeit (offizieller Name: Commonwealth of Dominica) und nun ist das Zeitalter des Tourismus angebrochen.

Bei unseren Ausflügen übers Land fahren wir immer die lange Dorfstraße hinunter, jeden Morgen ist das ein besonderes Ereignis. Es sind viele Leute auf der Straße, kleine Kinder spielen, die größeren in ihren adretten Schuluniformen gehen zum Unterricht, Frauen waschen an den Straßenbrunnen Wäsche oder Geschirr, in einem offenen Verschlag sitzen von morgens bis nachts die älteren Männer und spielen Domino. Viele sind auf dem Weg zur Feldarbeit, eine lange Machete in der Hand, dem Universalwerkzeug der Bauern. Und überall aus diesem bunten Treiben erntet man ein freundliches Lachen, ein Winken, einen Gruß. Hier auf dem Lande grüßt wirklich noch jeder jeden, selbst Autofahrer grüßen jeden Fußgänger und umgekehrt.

Heute machen wir einen Ausflug ins Indianerreservat. Hier leben die letzten und einzigen Indianer der Karibik, die Kariben. Sie waren ein kriegerisches Volk, das den europäischen Herren – mehrfach wechselnd Spanier, Holländer, Piraten, Engländer, Franzosen – jahrhundertelang Widerstand leistete. Letztlich unterlagen sie und konnten nicht verhindern, dass nach und nach ihre ganze Kultur und Tradition ausgerottet wurde, sogar von ihrer Sprache sind nur noch Rudimente übrig geblieben. Sie leben heute in einem Reservat im Nordosten der Insel, Besucher sind gern gesehen, aber ansonsten bleiben sie unter sich. Sie leben von Landwirtschaft und von Kunsthandwerk, das sie an Touristen verkaufen.

Um Dominica kennenzulernen, sollte man gut zu Fuß sein. Denn viele der interessantesten Sehenswürdigkeiten sind nur in teilweise sehr langen Fußmärschen erreichbar, der Boiling Lake (ein kochender Kratersee), eine Reihe von traumhaften Wasserfällen (wann habe Sie das letzte Mal unter einem Wasserfall geduscht?), die Sulphur Springs (wer darin badet, wird hundert Jahre alt, garantiert!) und vieles mehr. Erstaunlich wenig Insekten plagen einen hier, über lange Zeit im Jahr nicht einmal Mücken, die werden einfach mit dem Wind aufs Meer geweht (deswegen braucht man auch keine Impfung gegen Malaria oder andere Tropenkrankheiten). Man kann sich also ganz auf den Weg und die atemlosen Ausblicke konzentrieren. Watson zeigt sich mal wieder als unentbehrlich, ohne ihn würden wir uns hoffnungslos im Dschungel verlaufen. Außerdem kennt er sich bestens mit der Pflanzenwelt am Wege aus, er erläutert uns sehr anschaulich die essbaren, die giftigen und die heilkräftigen unter ihnen.

Aus den vielen Möglichkeiten, sich von hier nach da zu bewegen, wählen wir heute den Bus aus. Als wir ihn erreichen, sitzen schon auf zehn Plätzen zehn Leute. In einem solchen Fall darf man nicht denken, dass der Bus etwa schon voll ist: zwei Touristen mit ihrem Guide passen allemal noch dazu und natürlich die fünf Leute, die in der Bar drüben warten, selbstverständlich auch die beiden, die unterwegs noch zusteigen wollen – man rückt halt etwas zusammen. Mit Vollgas, lauter Musik und dauerndem Hupen (wegen der engen, nicht einsehbaren Kurven) geht es dann übers Land. Der Fahrer macht noch einen Abstecher von der üblichen Route zum Krankenhaus, ein Onkel eines Fahrgastes liegt dort und muss kurz besucht werden. Eine Viertelstunde warten alle vor dem Krankenhaus, dann geht´s auch schon weiter. Unterwegs eben noch schnell etwas eingekauft und irgendwann kommen wir dann da an, wo wir hinwollten. Und weil es gerade regnet, wird jeder direkt vor der Haustür abgesetzt.

Überfluss und Mangel sind in Dominica völlig anders verteilt als bei uns, von diesem Gefälle wollten schon etliche Aussteiger und Geschäftsleute profitieren. Die Geschäftsleute dachten, es mangele nur hier und da an unternehmerischem Geist, überall liegt das Geld auf der Straße. Aber fast genauso viele sind völlig entnervt wieder abgezogen. Da nützt es nichts, große, finanzstarke Investoren im Rücken zu haben: exzessive Bürokratie (ein weiteres koloniales Erbe), Desinteresse, Kompetenzgerangel oder Missgunst haben schon so manches kleinere oder größere Projekt mit Bausch und Bogen scheitern oder langsam im bürokratischen Sumpf versickern lassen – nicht immer zum Nachteil der Insel. So war lange davon die Rede, die Kupfervorkommen der Insel im Tagebau zu erschließen – ein großer Teil des Regenwaldes wäre dafür unwiederbringlich zerstört worden. Die große australische Minengesellschaft mit dem bezeichnenden Namen „Broken Hill Company" musste schließlich unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein Seaworld-Projekt – ein großes Aquarium mit dressierten Delphinen – ist ebenfalls nicht zustande gekommen. Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten, beispielsweise die von der deutsch-holländisch-dominikanischen Brauereikooperation. Vor einigen Jahren brachte man ein neues Bier auf den Markt, eine Umfrage sollte zunächst den Namen des Bieres ermitteln. Die Entscheidung fiel auf den Namen „Kubuli", ein Teil des alten, indianischen Namens der Insel. Der eingängige Name, das gelungene Design der Flasche und nicht zuletzt der hervorragende Geschmack – bei einem internationalen Bierwettbewerb belegte es den zweiten von sechshundert Plätzen – sorgten dafür, dass der neue Herausforderer die alten Platzhirsche, die klassischen Tropenbiere, innerhalb eines halben Jahres vom Feld fegte und einen Marktanteil von 80% erreichte. Inzwischen wird es sogar auf verschiedene Nachbarinseln exportiert, in Deutschland ist es bisher leider nicht erhältlich.

Auf dem Weg in die Stadt (town, sprich „tong") machen wir Station in Mirandas Bar, von dort hat man einen schönen Blick über die Bucht mit der Hauptstadt Roseau. Miranda, eine charmante Zweieinhalbzentnerdame, scheint uns zu mögen, denn unaufgefordert serviert sie uns von ihrer hervorragenden Ziegensuppe. Mein Begleiter malt sich aus, wie sie denn wohl als Schwiegermutter wäre, denn sie hat zwei außergewöhnlich schöne Töchter. Von weitem sehen wir ein Schiff im Hafen liegen, ein Koloss, der jedes Gebäude der Stadt um das doppelte überragt und im Volumen nur von den Bergen übertroffen wird. Alle Busse und Taxis der Insel warten nervös auf ein Geschäft. Und dann kommen sie, zu hunderten, manchmal zu tausenden, im Kreuzfahrer-Einheitslook (Sandalen, Bermudas, T-Shirts, Baseball-Kappen und Sonnenbrillen), die Haut schneeweiß oder vom ersten Sonnenbrand krebsrot, so strömen sie aus dem Schiffsrumpf und überfluten für einen Tag die Insel. In die Kleinbusse verfrachtet fahren sie über die Insel, machen Fotos durch die Fensterscheibe, besuchen die bequem erreichbaren Sehenswürdigkeiten, zahlen überall das Doppelte und sind am späten Nachmittag wieder verschwunden. Denn dann wartet an Bord schon das große Buffet, die Animateure und die Fahrt zur nächsten Insel – die Stadt kann wieder aufatmen. Die Regierung freut sich über die vielen Besucher, findet aber, dass es zuwenig ist, wenn ausschließlich die Taxifahrer und Souvenirverkäufer von den Besuchen profitieren und gleichzeitig die Natur niedergewalzt wird. Gemeinsam mit den anderen Karibikinseln will man in Zukunft eine Art Kurtaxe von den Kreuzfahrern verlangen. Das ist nur ein kleiner Ausgleich für die Folgen des Tourismus, der ja bekanntlich als seinen Schatten immer auch Gier, Nepp, jede Form von Kriminalität und das Ende einer authentischen Lebensweise mit sich bringt. Noch hat sich Dominica seinen natürlichen Charme erhalten, aber wer weiß wie lange noch.

Samstagabend treffen wir uns in der Bar bei Steve. Watson hat seinen schicken Sportdress angezogen und trägt dazu eine Art Cowboyhut, der steht ihm wirklich gut. „You cool man?" („man" bitte mit langgezogenem „a" gesprochen) „I cool" – „Easy!". Dazu berührt man sich mit der geballten Faust. In Steves Bar trinkt man Rum in verschiedensten Varianten, mit allerlei Säften, Kräutern und Gewürzen, das ist billiger als Bier. Etliche Kinder sitzen vor dem Fernseher und folgen völlig gebannt und oftmals laut kreischend einem Film, in dem einige gewitzte Kinder es der bösen Lehrerin heimzahlen. Ihnen muss das Bild genügen, denn gleichzeitig tönt sehr laute Musik aus der 3m breiten und 2m hohen Boxenwand, die Steve vor seiner Tür aufgebaut hat und mit der er das ganze Dorf beschallt. Natürlich beschwert sich niemand über den Lärm. Es wird gefeiert und getanzt, die Leute verstehen es hier, sich zu amüsieren. Gleich zwei Gäste bemühen sich darum, mir ihren speziellen Tanzstil, der von weitem gar nicht so schwierig aussieht, beizubringen. Der Unterricht ist nicht sehr erfolgreich, macht aber großen Spaß. Ein weitgereister Tourist versichert uns, dass Dominica einer der reizvollsten Orte überhaupt sei. Zwar gebe es in der Südsee einige Inseln, die landschaftlich noch grandioser seien, aber dafür sei dort überhaupt nichts los, abgesehen von etwas Touristenbelustigung. Wenn man die Tropen liebt und darüber hinaus freundliche Menschen, brodelndes Leben, Musik, Bars usw., dann sei dies der beste Platz der Welt. Wir kennen jene Südseeinseln nicht, aber trotzdem: darauf stoßen wir an, mit Kubuli auf Wai´tukubuli.

P.S.: Wer sich einstimmen will oder eine Reiselektüre sucht, dem sei das Jugendbuch Jajas Klau von Henky Hentschel oder der großartige Roman Sargassosee der dominicanischen Autorin Jean Rhys empfohlen.

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